Preisverleihung des Gütesiegels „Anti–Bullying“

Preisverleihung des Gütesiegels „Anti–Bullying“

Rede des Schulleiters:

In meiner Grundschulzeit gab es eine Bande. Dabei zu sein war „cool“, so würde man heute sagen. Nicht dabei zu sein war absolut uncool. Die Bande bestimmte, wer mit Fußball spielen durfte, wer wo sitzen durfte und der Chef der Bande durfte sich aus allen Pausenbroten das beste aussuchen. Die anderen Kinder boten es ihm automatisch an. Der Chef war gut im Fußball und gut im Sportunterricht. Er hatte eine „Leibwache“. Wehe es kam ihm einer blöd daher, dann bekam er es mit „der Wache“ zu tun. Auch Wache für den Chef zu sein war „cool“, man gehörte dann ja dazu. Die Bande bestimmte, wo nachmittags gespielt wurde, wer in die Buden durfte und wer draußen bleiben musste. Manchmal bestimmten sie, wer Fahrrad fahren durfte und wer zu Fuß gehen musste. Manchmal bekamen Kinder etwas weggenommen, aber das war okay so, die Bande hatte es ja bestimmt.

Nicht immer fanden alle das okay und es gab Tränen, aber dann lachte die Bande nur. Manchmal wurden Kinder neu aufgenommen und wer dazugehörte war stolz und durfte das Bandenzeichen tragen. Aber die meisten gehörten nicht dazu.

Da gab es einen Jungen der garantiert nicht dazu gehörte. Er hatte eine dicke Brille, war unsportlich, hatte absolut uncoole Klamotten und als Schlüsselkind einen Schlüssel um den Hals, denn seine Eltern arbeiteten beide. Eigentlich war er ganz gut in der Schule, aber immer wenn er etwas falsches sagte, lachte die ganze Bande ihn aus und die Lehrerin traute sich nicht etwas zu sagen. Mit der Zeit sagte der Junge fast gar nichts mehr, er versuchte sich unsichtbar zu machen. Leider gelingt das nur sehr schlecht, wie jeder weiß, der das schon einmal versucht hat. Dann wurde er rumgeschubst, man zischte „Hau ab“ und in der großen Pause durfte er nicht auf die Toilette gehen, da die Bande den Ordnungsdienst machte. Eines Tages fand der Junge seine Jacke ins Klo gestopft und kurz darauf war er ganz verschwunden. Weggezogen.

Ich war nicht richtig in der Bande. Ich durfte manchmal mit in die Buden, durfte gelegentlich beim Fußball ins Tor, aber dazu gehörte ich nicht. Ich habe mich damals nicht getraut Partei für den Jungen zu ergreifen. Vergessen habe ich ihn nicht und ich hoffe, dass es ihm auf seiner neuen Schule besser gegangen ist.

Ich weiß nicht, ob dem Jungen ein Anti Bullying Konzept etwas geholfen hätte. Ich habe aber die Hoffnung dass das so ist. Deswegen haben wir uns vor über einem Jahr daran gemacht, das Anti Bullying Konzept gegen Mobbing und Ausgrenzung umzusetzen. Ich hoffe, dass vielen klar geworden ist, dass Hilfe holen kein Petzen ist und dass es den Tätern deutlich macht:

HALT! STOPP! Hier wird eine Grenze überschritten!

Ich hätte mir damals ein Anti Bullying Konzept für meine Schule gewünscht. Stolz darauf bin ich, dass wir heute als Grundschule Kuhstraße deutlich machen, dass wir eine gewaltfreie Schule sein wollen. Dass wir miteinander lernen und arbeiten wollen. Dass wir fair streiten wollen. Und dass bei uns jeder gerne zur Schule kommen soll.

Wir haben schon viele Pokale im Fußball, beim Schwimmen und in anderen Sportarten gewonnen. Wir sind eine ausgezeichnete Schule. Die heutige Auszeichnung ist aber wichtiger als alle Sportmedaillen zusammen, denn hier geht es um unser Miteinander. Diese Auszeichnung erinnert uns daran, dass wir so etwas wie in meiner Erzählung nicht wollen. Die Kuhstraße steht zusammen gegen „Bullying“. Darüber bin ich sehr froh.

Wolfgang Koehler
Herzliche Grüße,
Wolfgang Köhler
Rektor